Barfuß
bis
nach
Nara

leseprobe

Aus dem ersten Kapitel
Federkleid aus Eis

Ihr Leben hat einige Luftrollen hinter sich, eingeschlossen in das Tosen wütender Wassermassen, zerschmetternd wie der Fall des Niagara. Es gibt praktisch keine längere Phase in ihrem Leben, in der sie sich nicht in einer Krise befindet oder gerade im Zwischenstadium zweier Krisen Luft holt. Alles jagt sich und sie gleich mit. Seien es Lüge, Wahrheit, Pilze oder Alkohol, sie spurtet durch den Marathon des Lebens, stolpert, fällt zeitweise in den Matsch, rafft sich auf und hechtet weiter. Sie ist dementsprechend verwirrt und ansatzweise erschöpft, während die Augen des Japaners in absoluter Unerschütterlichkeit auf ihr ruhen. Es regnet. Prasselt auf das Dach der kleinen Hütte, die er, nur mit seinen Händen und tausend Prisen Fantasie, in ein Paradies verwandelt hat. Als sie den Blick hebt, sieht sie in seinem Gesicht, wie ihr sein Herz entgegenstrahlt.

Kalten Schweiß hatte sie unter den Achseln, als sie dieses Mal durch die Grenzkontrolle lief. Der Beamte schaute lange in ihren Pass, mit diesem Blick außerhalb aller Interpretationen, den nur Japaner haben. Er blätterte darin herum, und sie hatte Angst, dass er Fragen stellt, die sie nicht beantworten kann. «Was führt Sie erneut nach Japan?» «Wie lange werden Sie bleiben?» «Haben Sie ein Rückflugticket?» Es gibt so oft keine Antworten, nur verstehen Beamte das nicht; insbesondere japanische Beamte. Ein Mann führt sie hierher. Wie so viele Male davor. Ein Mann, zu dem es sie hinzieht, mit einer Selbstverständlichkeit, die sie ängstigt. Denn während sie sich noch auf ihn zubewegt, flüstert eine Stimme ihr ins Ohr: «Hüte dich vor den Fesseln!» Die Freiheit in ihrem Herzen kennt keine Bande. Sie ist kompromisslos. Die stete Siegerin.

Sie wird bleiben, bis sie wieder geht, und weil sie wie so oft nicht weiß, wann das sein wird, hat sie auch kein Rückflugticket. Sie beißt sich auf die Unterlippe, weil sie dann besser Wörter suchen kann. Da liegt ihr Pass plötzlich vor ihr auf dem Tresen. Mitsamt Aufenthaltsstempel. Ein fassungsloses Dankeschön kommt über ihre Lippen, worauf der Beamte einmal nickt, ernst und ausdruckslos.
(…)
Ihr schweres Schuhwerk hält sie nicht mehr auf der Erde. Vor der Tür mit der Aufschrift Exit bleibt sie stehen und holt tief Luft. Der Sensor lässt die massive Tür aufzischen. Jedes Mal hat sie bei diesem Zischen das Gefühl, als ob ihr alle Kleider vom Leib gepustet würden. Dahinter fremde Gesichter und schwarze Haarschöpfe. Sie macht einige Schritte vorwärts, blickt um sich, etwas hektisch, aufgewühlt. Ein Schauer frisst sich wie ein alpiner Eisbruch von ihrem Scheitel bis hinunter in die Zehenspitzen. In der Menge hebt sich eine Hand. Seine Hand. Lockere Stoffhosen in drei Farben kommen auf sie zu, ein weißes Oberteil, erwartungsvoll zärtliche Augen und ein Lächeln, in dem sie Herzklopfen lesen kann. Für den Bruchteil einer Sekunde steht sie da wie angewurzelt. Immer hat sein Erscheinen diesen Effekt, selbst wenn sie ihn nur einige Stunden lang nicht gesehen hat, als ob er für einen Moment alle Bewegungen dieser Erde in seinen Gang legte, und keine einzige mehr für sie übrig bliebe. Er nimmt sie in die Arme. Bevor er flüstert, was er immer flüstert, schließt sie die Augen, weil nur so der Satz aus seinem Mund mit allem, was darin schwingt, gehört werden kann: «Du bist da.»

Während der Heimfahrt muss sie ihn immer und immer wieder von der Seite her ansehen.
«Was ist?» fragt er jeweils, und sie murmelt lächelnd: «Nichts.» Steht eine Ampel auf Rot, sucht ihre Hand die seine und hält sie, bis das Licht auf Grün springt. Vor der Haustür lässt er ihr den Vortritt, macht eine galante Geste nach innen. Sie tritt ein, stellt ihr Köfferchen ab und dreht sich zu ihm um. «Okaeri», heißt er sie willkommen und sie erwidert: «Tadaima.» Eine Floskel, die mit zwei simplen Worten erklärt, dass sie zu Hause ist. Nicht als Gast, sondern als Heimgekehrte.
Den Rest des Tages verbringen sie auf den Daunendecken ihrer aufgestauten Sehnsucht. Mit der Dämmerung packt sie die Flasche Scotch aus dem Duty Free aus und poliert zwei dickbauchige Gläser auf Hochglanz, während er schwarze Schokolade auf einem Tellerchen arrangiert. Der rauchige Geschmack der bernsteinfarbenen Flüssigkeit breitet sich in ihr aus wie lebendige Flämmchen; die Kälte der letzten Tage verschwindet. Sie freut sich auf die kommenden Nächte, da sie ihre Nase in die Sommerbrisen seiner Halsbeuge stecken kann.

Immer wenn ihre Hand in seiner liegt, bekommt sie Angst, sie loszulassen und erneut zu erkalten. Sie trägt dieses Federkleid aus Eis, das nur langsam schmilzt, dennoch ist es in all den Jahren immer dünner geworden. Möglicherweise tragen die kurzen Federn sie gar nicht mehr verlässlich in den Lüften. Sie fürchtet, noch leichter werden zu müssen, um erneut abheben zu können, einer neuen Dämmerung entgegen, die Freiheit heißt. Er sitzt dort, im Halbdunkel der Wohnung, und sieht sie an. Hinter ihm leuchtet das Blau des Aquariums mit dem moosgrünen Axolotl, den sie abwechselnd mit rohen Leberstückchen füttern. Sie fühlt sich in der Schwebe, als wäre sie auf ihrer Ankunft ausgerutscht.

Er rührt sich nicht, lächelt nicht. Er tut nichts, er strahlt nur diese tiefe, unanfechtbare Wahrheit aus, als er sagt: «Auf diesem Sofa sitzt alles, wonach du dich sehnst.»

pressestimme

«Tiefschürfende, lyrische Sprache, packend geschrieben.»

Freya Rickert
ekz.bibliotheksservice GmbH
6. August 2018

über Julia Sakai

1982 in Aachen geboren,
aufgewachsen in Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein.
Während des Studiums der Japanologie, Sinologie,
Slawistik und Filmwissenschaft in Zürich führte mich ein
Universitätsstipendium nach Kyoto, Venedig und Sankt Petersburg.
Heute lebe ich zwischen den Welten.
Barfuß bis nach Nara ist mein erster Roman.

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Das Buch ist im Walgut Verlag erschienen und kann hier bestellt werden:

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